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REVIEW 005: Baltimore S.O.N. – HisStory / The Audiobiography of…


Normalerweise rezensiere ich nur deutsche Rap-Alben. Und normalerweise wollte ich mich nur auf Free Downloads konzentrieren. Andererseits bestätigen Ausnahmen die Regel. So sieht sich auch selbst: „I’m not a rapper, I’m an EMCEE“. S.O.N. steht dabei übrigens “S.hining O.ver N.egativity” und bildet zugleich das Wort “Sohn”. Pfiffig. So mag ich das.

“HisStory” beginnt recht laid back mit dem Track “Hit Record”, in der S.O.N. dem Hörer die Bedeutung aber auch die Schwierigkeit des Aufnehmens seiner Songs näherbringt. Der Beat ist sehr gediegen und lässt gut anhören. Super Intro, passt perfekt.

Gediegen geht es weiter mit “Be” auf dem der gleich drei Mal im Verlauf des Albums gefeaturete seinen Part zum Besten gibt. Auch diese Nummer überzeugt. Andererseits wundert es mich an gerade dieser Stelle wieder, wie simpel und doch überzeugend amerikanische Rap-Texte sein können, wenn man sie ins Deutsche übersetzt.  Nicht so bei S.O.N., der hier sehr persönliche Einblicke in sein Leben gewährt.

Spätestens bei “Jaded” merkt man: Der Rap-Stil von S.O.N. und die Machart der Beats spinnen langsam einen roten Faden, der sich  durch das Album ziehen wird. Die Songs sind vom Tempo und den Samples her sehr angenehm und eben – mir fällt kein anderes Wort ein – laid back. Die Texte reichen dabei von nachdenklich bis Lebensbejahend. Das Negative überscheinend. So ist auch “Jaded” der Soundtrack zum Cabriofahren an der sonnigen Westküste entlang.

Überhaupt ist der Sound sehr 90s-lastig. “Everything” könnte einer dieser aus heutiger Sicht härteren R’n’B Songs jener Zeit sein. Das gefällt in jedem Fall, da das alte, lang nicht mehr gehörte plötzlich sehr frisch daherkommt. Anthony Washington überzeugt durch einen sehr eingängigen und gefühlvoll dargebotenen Gesangsteil. Toller Song!

Um es kurz zu machen, der Skit “Sam Siege” ist einer dieser nervigen Anrufbeantworter-Skits, die einfach nur im Ohr dröhnen und krächzen, wenn man die Lautstärke nicht rechtzeitig hat runterregeln können. Dabei ist das hier Gesagte recht nett, denn besagter kommentiert positiv den mittlerweile schon älteren Song “Soulful Street”, der doch noch seinen Weg auf das Album fand.  Besagter Track ist ebenfalls eine ruhigere Nummer. In diesem Fall wieder nicht tragisch, denn dem autobiographischen Faden treu, dreht sich auch hier alles um das Leben und Wirken von S.O.N.. Story Telling liegt dem Mann aus Baltimore, dass muss man schon sagen.

Eine weitere Besonderheit ist, das muss ebenfalls erwähnt werden, dass fast jeder Song des Albums von einem anderen Produzenten stammt. Die Ausnahme bilden Chris V., Kajmir Royale und Timeless Beats, die jeweils mit zwei Produktionen vertreten sind. Trotzdem oder gerade deswegen ist dieses Album extrem rund. Das nenne ich mal ein glückliches Händchen beim Beats picken. Doch nicht nur die Staaten dürfen ihre Beatmänner an die Regler lassen, auch aus Braunschweig ist beteiligt. “Hip Hop Don’t Stop” ist eine thematisch und inhaltlich selbsterklärende Nummer auf einem Premo’esken Hip Hop Beat. Das funktioniert ja auch immer. Die Cuts von DJ SoulClap sind ebenfalls passend gewählt.

“Way U Walk” bedient ein ebenfalls Hip Hoppiges Thema, nämlich die Frauen. Es geht im Prinzip darum, wie die Hüften und Titten in den unterschiedlichen Bundesstaaten der USA wackeln. Hm. Ok, warum gab es ausgerechnet zu diesem Track kein Video?

Baltimores Crew “” ist auch gleichzeitig titelgebend für den nächsten Song, der eben jene Crew behandelt. Ein Wir-gehen-durch-dick-und-dünn-Song, der zwischendurch durch einen extrem schräg wummernden Bass besticht. Klingt komisch und absolut nicht gewollt.

“Don’t Let Me Down” lockt in mir leider nur ein Gähnen hervor, was bestimmt auch nicht gewollt war.  Das Album geht mir schon jetzt mit zu vielen Hand-Clap-Beats und ruhigen Nummern an den Start. Baltimore erzählt davon, dass seine Zeit gekommen ist. Nun ja, auf einem anderen Beat vielleicht eher. Wobei das in fast jedem Track praktizierte Rappen über’s Rappen ein zweites markantes “Manko” dieser Platte darstellt. Das ist natürlich eine Frage des Geschmacks und der Ansprüche, ganz klar. Meinen trifft es bzw. genügt es nicht.

Aber kommen wir wieder zurück zum “Problem” eins, denn auch “So High” mit Legacy als Feature will für sich alleinstehend glänzen, aber auf die gesamte Albumlänge hochgerechnet zündet hier kein Funke der Abwechslung. Wieder ein gechopptes Soul-Sample, wieder ein Tempo von unter 90 BPM. Hatten wir schon.

Der Funke der Abwechslung kommt dann doch noch, denn “City Rocks” wird seinem Titel mehr als gerecht und überzeugt auf einem zwar ebenfalls recht ruhigen, aber dafür zum Kopfnicken einladenden Beat. Zwischenfazit: Chris V. rappt also nicht nur gut, er macht auch hervorragende Beats. Sein Feature-Partner D. Focis punktet erneut durch die markante Stimme und S.O.N. reiht sich gewohnt perfekt ein. Etwas spät, aber immerhin, es kommt hier einer der stärksten Songs auf “HisStory” daher. Auch inhaltlich wissen die drei MCs ihre Reise um die ganze Welt und die entsprechenden Städte gut zu verpacken.

Um mindestens die halbe Welt ging der Beat von   aus Deutschland zu “Married 2 Tha Game”. Auch wieder ein Clap-Beat, ja, aber da kann der gute Kallsen nichts für, wenn S.O.N. diese Stilrichtung so flammend bevorzugt. Die saubere Produktion, die passenden Cuts und ein ebenso sauber flowender Baltimore S.O.N. machen “Married 2 Tha Game” zu einer sehr guten Nummer, auch wenn man sich an der Machart während des bisherigen Albumverlaufes sattgehört haben mag.

Zurück im Dolorean in die 90er Jahre, denn “Show Must Go On” erinnert irgendwie an den Track “Everything”.  Diese beiden Songs machen einfach Spaß, wenn man das so sagen kann. Sie fangen eben jenen Vibe ein, den man nicht (mehr) an jeder Ecke hört und schließen das Album zu einem soundtechnisch einheitlichen Ganzen ab.

Moment, wo wird was geschlossen? Sieh an, ein Bonus-Track auf der CD. Diese sind aus meiner Erfahrung mit Vorsicht zu genießen. Denn entweder ladet ein Künstler hier drittklassigen Ranz ab, der es nicht in die richtige Playlist geschafft hat oder es versteckt sich eine unentdeckte Perle. Den Bonus-Track hier als Ranz abzustempeln wäre ebenso falsch, wie ihn eine Perle zu nennen, denn es handelt sich beim genauen Hinhören nur um einen Remix von “Soulful Street”. Wie so oft stellt sich hier die berühmte Remix-Geschmacksfrage, ob man das Huhn oder das Ei bevorzugt. Ich bin für das Huhn, ohne das Ei jetzt die Pfanne hauen zu wollen. Da darf sich nun jetzt jeder selber zusammenreimen, welche Version mir eher liegt. Oder was zuerst da war. Oder sich dem Fazit widmen.

 

FAZIT

Auch wenn sich meine Reviews für den ein oder anderen so lesen mögen, ich wollte die rezensierten Alben bis auf’s kleinste Atom sezieren, um ihnen dann den Todesstoß verpassen, ist dem nicht so. Ich versuche lediglich zu entschlüsseln, warum mir etwas gefällt und warum nicht. Was mir an “HisStory” nicht gefällt ist der durchgängig sanfte Ton und die entsprechenden Beats. Alles für sich und einzeln genommen starke Songs. Aber wenn eine Fußballmannschaft aus 11 recht identischen Spielern mit hohem Einzelpotential besteht, kann eben kein abwechslungsreiches Spiel entstehen. Die Richtung ist starr vorgegeben und auch inhaltlich bricht S.O.N. nicht erwähnenswert aus dem Schema Rappen über’s  Rappen heraus. Das ist schade, denn die “Audiobiography” suggeriert vor dem Hören einiges mehr und vom technischen und stimmlichen her ist Baltimore S.O.N. zu weitaus kreativerem fähig, als “I’m back in the game” und das Hochhalten der Hip Hop Fahne. Ich finde keinen dauerhaften Draht zum Inhalt, was mich leider zum Abzug eines gesamten Punktes zwingt.

Eine Spur weniger Skits hätten dem Album auch nicht geschadet. Es handelt sich zwar nicht um ganze Tracks, doch genau da liegt das Problem: Die kann man skippen oder vom MP3 Player löschen. Nein, hier wurde das No Go angewandt, die Shout Outs an’s Ende oder den Anfang eines Tracks zu packen. Kann man nicht skippen, sondern nur vorspulen. Das ist deswegen nervig, weil auch der Denkfaulste nach dem dritten Shout längst begriffen hat, wie viel Glück, Erfolg, Segen und was auch immer Baltimore auf den Weg gegeben wird. Weniger wäre mehr gewesen.

Das Album kommt bodenständig und schlicht  im einfachen Pappschuber daher, was ich in diesem Fall als am falschen Ende gespart empfinde. Doch so wie ich das mitbekommen habe, erfolgt der Vertrieb sowieso vornehmlich digital. Nun denn, das Cover ist ganz ordentlich designt. Mir gefällt die symbolisch nach oben weisende Treppe auf dem Backcover. Symbolisch auch deswegen, weil Baltimore S.hining O.ver N.egativity mit diesem Album ein durchweg positives Hip Hop Werk abliefert.  Im nächsten Anlauf wird es dann ganz sicher nach oben gehen. Dann aber bitte weniger Clap-Beats und Shout Outs.

 

BEWERTUNG

Baltimore S.O.N. Rating

3,5/5

 

 

Baltimore-S.O.N. - HisStory (Backcover)


REVIEW 004: Kern – Zeitlos


Kern-Zeitlos-Cover

 

Alles ist vergänglich und zerfällt irgendwann zu Staub. Wissen wir. Relativ unberührt bleiben davon nur die nicht greifbaren Traditionen und Werte, die von Generation zu Generation weitergetragen werden. Wenn nun ein Rap-Album „Zeitlos“ heißt, dann kann man als weiterdenkender Hörer davon ausgehen, dass es um mehr geht, als das Polycarbonat, aus dem die CD gepresst wurde.

Um es vorweg zu nehmen: Ich hatte so meine Schwierigkeiten die Platte zu rezensieren. Aber drehen wir die Zeit nicht zu weit vor und beginnen chronologisch am Anfang.

Das Schöne an Kerns Songs ist am Rande bemerkt, dass die Songtitel so praktisch selbsterklärend sind. schwimmt im Opener „Gegen den Strom“, tja, gegen den Strom. Hier kündigt sich inhaltlich schon eine vage Richtung des Albums an: Nachdenklich, andersdenkend und trotzdem oder gerade deswegen Community-orientiert. Musikalisch werden hier die technisch perfekten Lyrics durch einen stampfenden Rock-Beat untermalt. Ich behaupte jetzt mal frech, dass die Gitarren und Drums aus dem Sampler kommen und nicht „echt“ sind. Der Song ist deshalb nicht schlecht, allerdings für eine Rocknummer dann wieder zu wischi-waschi. Auch ist Kerns Stimme für dieses Genre eine Ecke zu smooth.

“Hartz IV durch Manager und fette Aktionäre, nach der Amtszeit sind Politiker auf einmal Millionäre”

Weiter geht’s mit “Einer uns”. Der Song ist durch die schmalzige Gesangs-Hook und das 80s-Synthie-Geklimper irgendwie anstrengend. singt die Hook für sich genommen gut, aber mir persönlich ist es zu pathetisch gejault. Da reißen auch die soliden Parts von und Cin nicht mehr viel rum. Man muss diese Richtung einfach mögen. Ich mag sie nicht.

„Meine Leute“ stellt mich vor ein arges Problem: Die Message kommt an und Kern flowt einmal mehr makellos über den Beat. Wo wir beim Thema wären, dem Beat. Dieser ist so dermaßen fröhlich, dass ich geneigt bin meinen Kopf seitwärts statt vorwärts nicken zu  lassen. Unterm Strich wieder kein schlechter Song, allerdings sehr poplastig, was im starken Kontrast zur Kern’schen Deepness steht.

“Und lasst euch nicht sagen es gibt keinen Ausweg – es kommt immer nur drauf an wie man es auslegt”

“Wo sind deine Träume hin” gleitet kurz ins Fahrwasser von “Einer von uns”, taucht aber zum Glück nicht wirklich unter. Auch hier ein recht poppiger Beat plus Gesang, nur nicht ganz so pathetisch und das wiederum ist der Pluspunkt des Tracks. Und auch hier überzeugt Kern durch seine Stimme, seinen Flow und selbstverständlich seine Inhalte.

Ich glaube ich habe ein Déjà vu, denn „La vida loca“ stellt mich erneut vor ein arges Problem: Die Message kommt an und Kern flowt einmal mehr makellos über den Beat. Wo wir beim Thema wären, dem Beat. Dieser ist so dermaßen fröhlich, dass ich geneigt bin meinen Kopf seitwärts statt vorwärts nicken zu lassen. Unterm Strich wieder kein schlechter Song, allerdings sehr poplastig, was im starken Kontrast zur Kern’schen Deepness steht.

Sarkasmusknopf aus. Aber spätestens jetzt merke ich, dass ich kein Freund von -Beats bin und da er „Zeitlos“ bis auf den letzten Song komplett produziert hat, sind meine Erwartungen gedämpft bzw. die Abzüge in der B-Note suchen sich im Hinterkopf ein gemütliches Plätzchen. Es sei denn, da kommt zügig die große Überraschung. Aber wir haben ja Zeit.

Die Überraschung kommt schneller als erwartet. Und zwar in Form von „Eine Liebe“. Auf einer zum Ende hin orchestralen Piano-Melodie rappt Kern über das Sein des „kleinen“ MCs. Großartig! Ob die musikalische Parallele zu gewollt ist oder nicht – ich höre sie. Zumal sich die beiden stimmlich auch gut entgegenkommen. Interessanterweise ist die Machart von „Eine Liebe“ so etwas wie die Krone der melodischen Poppigkeit des Albums. Allerdings ist es ironischerweise auch genau das, was mir an dem Stück gefällt.

“Ich bin jetzt schon 30, nichts als das mach ich lieber – mein Ziel ist erreicht, wenn Leute mich fragen ob ich sie feature”

Von der Melancholie weg bewegen wir uns zum Club hin. „Wer weiss“ ist jene Art Throw-your-hands-in-the-air-Club-Nummer, die man entweder hasst oder liebt. Oder man findet sie, wie ich, einfach nur ok. Der Song erfüllt auf jeden Fall seinen Zweck und wäre auf jeder Party, auf der Tanzen ausdrücklich erwünscht ist, genau richtig.  Zum Zuhause oder unterwegs anhören hingegen weniger.

„Alter, was hörst du da? –   Kern und Summsemann… Is fett!“

Die zuvor ersehnte Überraschung auf dem Album lässt nach „Eine Liebe“ nicht lange auf sich warten, denn „Damals“ erzählt im Duett mit so bildlich von der Vergangenheit und dem Wesen des Älterwerdens, dass sich bestimmt mancher Hörer schnell wiedererkennt. Ob die bekannten Treffpunkte in der eigenen Stadt, das gemeinsame Chillen auf Parkbänken, ja, das Schwelgen in vergangen Zeiten verdeutlicht die Reife des 1980 geborenen Kerns. Auch Summsemann ist ein erfahrungs- und raptechnisch nicht unbeschriebenes Blatt und reiht sich perfekt in den melancholischen Beat ein. Ein unbedingter Anspieltipp.

So, von der Parkbank der Straße geht es wieder in den Club. Waren wir da nicht schon? „Untouchable“ befasst sich mit dem mehr oder weniger erfolgreichen Anquatschen von Mädels und passt somit gut zu „Wer weiss“. Steckt einiges an Wahrheit drin. Aber der Beat lässt mich erneut etwas enttäuscht zurück, denn diesmal zu clubbig. Ganz oben erwähntes Problem erfährt eine Wiederholung.

Und da ist er. Wie aus dem Nichts. Der für mich persönlich überraschendste Überraschungs-Beat, gleichzeitige Anspieltipp und ärgerlicherweise auch der kürzeste Song des Albums. Das taufe ich an dieser Stelle mal den . “Über der Stadt” ist das absolute Highlight und ein Zeichen, dass Oduza auch weniger glattgebügelte Beats auf Lager hat.

“…und auch mal abschalten, ich red nicht von Tee trinken – sondern die Welt um sich herum mal ganz ok finden.”

Zweiter Auftritt von Kerns .  “Neue Welt” geht klar, soll vom Beat her mitreißen, aber irgendwas fehlt da noch. Inhaltlich findet der Hörer einen Representer, der alles in allem gut zum Beat passt. Ich skippe nochmal zu “Über die Stadt” zurück, aber merke, dass die Zeit rennt und auch das Review dieses Albums nicht jünger wird.

Besagtes Album macht mich übrigens langsam wahnsinnig mit seinen Höhen und Tiefen, denn “Wenn ihre Kinder fallen” fasst Kerns Darstellungen vom Krieg und seinen Opfern auf einem perfekten Beat zu einem runden Gesamtbild zusammen. Sehr nachdenklich, sehr ehrlich und sehr direkt kommt Kern hier rüber. Erwähnte ich den perfekt dazu passenden Beat? Ja? Da sieht man mal, wie mich das Album hin und her schleudert. Und ganz ehrlich, der Kinderchor am Ende hat für Gänsehaut gesorgt.

“Und wie es wirklich ist bleibt zwischen vier Wänden, wir sind Sklaven von ein paar Menschen – wie wir’s drehen und wenden”

Hey, das ist doch Soul Mack von “Einer von uns”. Aber jetzt wird er seinem Namen um einiges gerechter. Ein extrem guter Gesangspart in “Hand im Glück” auf  einem sehr coolen Beat. Dazu ein – oh Wunder – sauberer Part von Kern – macht alles in allem einen überdurchschnittlich guten Track. Dinger wie die hier tragen das Album. Als ob es die Endwertung einfach machen würde, sehe ich der letzten Anspielstation erwartungsvoll entgegen. Aber ein Fazit lässt sich in diesem Review ebenso wenig aufhalten wie die Zeit.

„Anthem“ schließt das Album in würdiger Weise mit einer Massenkollabo ab. Bämm. Der Beat ist cool, die Cuts auch, die Parts zeugen von einer gemeinsamen musikalischen Vergangenheit – Ende gut, alles gut. Wirklich alles gut?

FAZIT:
Es war nicht einfach dieses Album zu rezensieren, wie einleitend angekündigt. Das Kernproblem (anscheinend kein Kern-Problem) ist: Mich erreichen die meisten Beats nicht. Der Großteil ist mir zu weichgespült, poppig und melodisch.  Im Gegensatz hierzu steht Kern mit seinem technisch perfektem Flow, einer markanten Stimme mit Wiedererkennungswert und der sprachlichen Fähigkeit, Altbekanntes in saubere Reime zu verpacken. Ein Muster-MC sozusagen. Würde man die Kern Acappellas auf die Instrumentals von den Curse Alben „“ oder auch „“ legen, dann wäre das hier die Platte des letzten Jahres.

Den Beats von Oduza fehlt mir ein gewisser „Hip Hop typischer“ Kopfnickfaktor. Die Produktionen sind sauber und glasklar gemischt, sehr melodisch und verspielt. Genau dieser vermeintliche Vorteil schlägt dann um, wenn man sich die teilweise von einer nicht glanzvollen Welt geprägten Lyrics von Kern zu Gemüte führt. „Zeitlos“ ist definitiv ein Hip Hop Album, aber nach klassischem Verständnis auch wieder nicht. „Zeitlos“ ist ein Stück leichte Popkost, die auch  Hörer anderer Musik schmecken soll, aber dann wiederum auch nicht.

Was denn nun? „Zeitlos“ ist summa summa summarum ein gutes Album und dank der Texte von Kern auch zum mehrmaligem Durchhören. Wer sich mit den Beats anfreunden kann – und ich bin sicher, dass es da einige Menschen geben wird – bekommt ein ehrliches Stück Musik mit einigen Anspieltipps. Zeitlos im Sinnes des Titels ist die Platte meines Erachtens dagegen nicht.

Bewegen wir uns von innen nach außen zum Cover hin. Hübsch ist es, das elegante Digipack. Ein mehrseitiges Booklet rundet den positiven äußeren Gesamteindruck ab, sodass der Käufer hier schnell das Gefühl hat, etwas für sein Geld bekommen zu haben. Pech in Anführungszeichen für die Kunden der Online-Version auf bzw. .  Und auch für die Polycarbonat- und Digipack-Hersteller.

 

BEWERTUNG:

Kern - Zeitlos Rating

3/5

 

 

 

 

 

Bisherige Reviews:




Kern - Zeitlos (Backcover)


REVIEW 002: Jephza – Nachtwache (Free Download)


Jephza - Nachtwache (Free Download)

Schubladen sind an sich eine gute Sache. Man kann darin Dinge verstauen oder aber auch Sachen ordnen und kategorisieren. Im Alltag und vor allem in der Musik können Schubladen im Kopf aber eher sperrig sein. Im Rap verirrt sich sogar mal ein Stuhl oder eine Parkbank in die Köpfe weaker MCs, möchte man und auch seinem Westwood Connection-Gefährten Tufu glauben. Mit „Nachtwache“ legt Jephza nun sein mittlerweile zweites Online-Release vor. Im folgenden Review soll geklärt werden, aus welcher Schublade dieses Release entstammt oder, wenn es aus einem anderem Holz geschnitzt ist, welche neue Schubladen es womöglich öffnet…

„Westwood Connection – brandneu und doch so alt, ich bin ein Baum mit prachtvoller Krone – du ein morscher Stock im Wald“

Das Intro eröffnet „Nachtwache“ auf einem gediegenen Streicher-Beat, aber mit leicht holprigen Cuts. Allerdings ist das zu verschmerzen, denn der textlich gut überlegte Übergang zum Übertrack „Pankbänke“ zeigt: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht. Ach ja, die Parkbänke. Der ein oder andere wird das dazugehörige Video kennen und ich verrate vorab nur so viel: Hier hält der beste Track des Albums für das Video her. Dass der Beat von Tufu stammt, hätte Jephza schon gar nicht mehr erwähnen müssen – das musikalische Gerüst ist geradezu tufu’esk.

Jephza – Parkbänke

„Das war echt knapp, beinah hätte der meinen Tag versaut mit seinem Love-Parade-Michael-Jackson-Rest-in-Peace-Japan-Sound“

Sommerlich-verregnet geht es mit „Sommerregen“ weiter. Das Thema entspricht dem Titel und ein chilliger Beat mit unverzerrter E-Gitarre dient diesem insgesamt schönen Song als Grundlage. Feature-Gast Davido kommt hier flowtechnisch ein klein wenig besser an als der Gastgeber. Wäre auch schlimm wenn nicht, denn Davido ist das einzige Feature auf dem gesamten Album. Innerlich mit Sommersonne aufgewärmt skippe ich weiter zum Doppelpack „Lauf“ bzw. dem einleitenden Intro-Skit. Letzteres erzeugt eine gute Brücke zwischen dem Sommertag auf der Wiese und der hektischen Traumflucht nach vorn.

„Lauf! Renn durch die Nacht, hab den Verdacht, dass irgendwas hinter mir ist“

In „Lauf“ wird sich der ein oder andere Hörer wiederfinden, der mal im Traum vor irgendetwas davongelaufen ist. Der Song dürfte mit seinen schnellen und hypnotischen Streichern ab jetzt den Soundtrack dafür liefern. Uff, nach der ganzen Rennerei erst mal eine Verschnaufpause und einen schönen Tag genießen. „Schöner Tag“ ist eine Hommage an Jephzas Freunde oder, wie er sagt „einfach nur schöne Menschen“, mit denen man wunderbar skaten, saufen und grillen kann. Jephza und der thematisch gut gewählte Beat rutschen hier aber keineswegs in sentimentalen Kitsch ab, nein, wer in diesem Song angesprochen wurde, darf sich geehrt fühlen.

Das Album ist thematisch so eng verwoben, dass der Hörer denken mag, er würde Jephza zwei, drei Tage begleiten. So erheben wir uns von der Parkbank, laufen durch den Sommerregen in den schönen Tag hinein und werden am Abend Zeuge einer Messerattacke auf einem Dorffest. Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven – dem Niedergestochenen und seiner Freundin. ADB, der u.a. auch „Lauf“ produziert hat, liefert der Geschichte die passende Beat-Basis. Kurzer, aber sehr guter Track. Das anschließende englisch-sprachige Skit „Forgive/Love“ ist, hmm, ja, ein Skit eben. Die Titelgerechte Message leitet dann zum von Bitbeats produzierten „Allein“ . Der Beat ist melodisch, aber reißt mich persönlich nicht mit, ohne dass ich an schummrige Lagerfeuer-Zeltnächte denken muss. Ja, man kann den Beat auch als kitschig brandmarken, wäre da nicht ein persönlich über sich rappender Jephza, dem man dann doch gerne zuhört, wie er die Trennung von seiner Ex verarbeitet. Zeitlose Hürden des Lebens raptechnisch sauber verpackt. Was will man mehr?

„Das ist nicht  fair, ich meine wer hat dran gelitten? Es wird dunkel, jetzt fang ich noch mehr an dich zu vermissen“

Nächster Track. Und wieder folgen wir einer thematischen Linie. Allerdings ist „Talk About The Hurtin'“ für mich ein überflüssiger Skit. Oder ich versteh den Sinn nicht. Oder es gibt keinen. Vielleicht denke ich aber auch zu viel darüber nach, und es ist einfach ein stinknormaler Skit ohne Beat, über den ich an dieser Stelle nichts schreiben kann. So I skip that skit.

Sag mal Jephza, bist du lebensmüde? Jop, das ist er. Jedenfalls macht er in „Lebensmüde“ genau das, was nur ein Lebensmüder machen würde. Zitat gefällig?

„Ich mach die Augen zu und renn über die Hauptstraße, ich spazier durch brasilianische Ghettos mit Breitling-Uhr, ich sag nem blinden Nazi „Du hast schwarze Hautfarbe und deine beste Freundin ist Jüdin, aber verschweigt es nur“

Nach den Tracks über  den Menschen Jephza geht es nun weiter mit dem Rapper Jephza. Auf dem mit Chor unterlegtem Brett von einem ADB-Beat kommt Jephza „mit ausgeklügelten lyrischen Schädeltritten“. Das hat gesessen.

„Rap deine drecks Scheiß-Themen auf Spanisch – ich will nicht hören was du sagst und verstehen schon gar nicht“

Weiter geht’s im Wack-MC-ausfindig-machen-und-betiteln. An dieser Stelle wäre dann auch endlich mal geklärt, dass „wack“ ohne h geschrieben werden kann – muss es aber nicht. „Ultralativ“ könnte man auch „Parkbänke II“ nennen. Muss man aber nicht. Das wäre ja Schubladen-Denken. Es mag am ähnlichen Inhalt oder am ähnlichen Tufu-Beat liegen, dass „Ultralativ“ zu „Parkbänke“ in die Schublade kriechen möchte, deswegen erhoffe ich mir im anschließenden Kevoeskitshit Abwechslung.

Double-Time-Raps, oha. Der technische Genickbruch für jeden Rapper, der sonst das „normale“ Tempo bevorzugt: Jeder versucht sich einmal in seiner MC-Karriere daran – und belässt es bei diesem einmaligen Ausflug. Jephza überzeugt hier an sich. Hier und da ein genuschelter Reim, aber alles in allem bestanden. Schulnote 3.

Damals, als ich noch jung war, sagten die Leuten zum Austauschen des Beats eines Songs „Remix“ bzw. remixen. Jephza präsentiert uns ein Remade seines Songs „In Loving Memory“, den ich wegen des persönlichen Themas Tod inhaltlich nicht kritisieren möchte. Allerdings ist der Piano-Beat von ADB austauschbar oder sagen wir besser: Nicht so meins. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass dieser Song das Album nicht abschließt, sondern das positiver gestimmte „Into The Wild“.

„Ich brauch kein Geld, schlaf zur Not unterm Baum, mein Zelt ist der Himmel – Freiheit – ganz egal, wo ich hin will“

Damals, als ich noch jung war, hätte mich der Song auf jeden Fall motiviert, das Gleiche zu tun. Nun aber setze ich mich im gedämpften Licht der Abendsonne auf eine Parkbank, lasse die drei Tage mit Jephza Revue passieren und das Geschehene an meinem inneren Auge vorbei ziehen.

FAZIT:

Was für eine musikalische Reise! Wie schon während meines Reviews angedeutet, wurde hier (bewusst?) ein roter Faden gesponnen, an dem man sich vom Anfang bis zum Ende des Albums entlanghören kann. Den ersten Pluspunkt bekommt Jephza für das nur hier und da eingestreute Rappen-über’s-Rappen. Storytelling und persönliche Verarbeitung stehen hier eher im Vordergrund. Das Album ist, nach , eine weitere, sehr persönliche und ehrliche Episode aus dem Leben des jungen Rappers. Jephza darf allein schon deswegen andere MCs als w(h)ack betiteln. Dazu kommen die vielseitigen Beats, die ich beim ersten Durchhören als stilistisch zusammengewürfelt empfunden habe – ein schwerer Fehler. Beim genaueren Auseinandersetzen mit dem Album entpuppt sich die Würfelei als stabiles Kartenhaus. Hier passt alles zusammen. Zwei, drei Karten muss ich jedoch entfernen, allerdings ohne das gesamte Haus einstürzen zu lassen.

Zunächst finde ich Jephza passt nicht auf alle Beats. Oder besser gesagt umgekehrt, nicht alle Beats passen zu Jephza. “Sommerregen” wäre da als Beispiel zu nennen. Das ist natürlich sehr subjektiv und so mancher wird mich für diese Aussage steinigen wollen. Ein zweiter Punkt sind für meinen Geschmack zu viele Instrumentalpassagen und zu wenigen Cuts. Die Erwartungen an das Album vor dem Hören und das Resultat nach dem Hören kommen in diesen Punkten für mich nicht zusammen. Das Double-Time-Ding ist mir etwas zu nuschelig, andererseits ist es nur ein Skit. Das war’s aber auch schon an den musikalischen Kritikpunkten, denn „Nachtwache“ ist meiner Meinung nach eines der besten Online-Releases der ersten Jahreshälfte 2011.

Der Sound ist alles in allem ok, aber mehr auch nicht. Die Drums sind teilweise „nicht da“ und Jephza Stimmfarbe hat besonders auf den vom Sound her dumpferen Beats zu wenig Präsenz. Das ist schade, tut dem Hörgenuss letztendlich aber keinen riesen Abbruch. Raw shit halt.

Zum Cover lässt sich nur so viel sagen, dass es exakt die Stimmung wiedergibt, die die Songs letztendlich versprühen. So sollte es auch sein. Statt der doofen Textdatei im Download-Paket, hätte aber dieses unterm Strich gute Rap-Album eher ein ebenbürtiges Back-Cover verdient.

BEWERTUNG: 4/5

 

 jephza-nachtwache-free-download
(50,8 MB)


Tracklist
01. Intro
02. Parkbänke
03. Lebensmüde
04. Lauf Intro
05. Lauf
06. Schöner Tag
07. How It Ends
08. Forgive/Love skit
09. Allein
10. Talk About The Hurtin’ skit
11. Sommerregen
12. Scenepoints
13. Ultralativ
14. Kevoeskitshit
15. In Loving Memory Remade
16. Into The Wild


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