REVIEW 007: 2Seiten – Perspek-Tiefen


 2Seiten-Perspek-Tiefen-Frontcover

 

Böse Zungen behaupten, die Raps von überfordern den Hörer. Die nicht ganz so bösen Zungen halten die Raps von 2Seiten AKA Backdraft AKA Back-Draft schlichtweg für unterbewertet. Eine gute Grundlage, um den MC mit Vorlieben für AKAs und Bindestriche in die Perspek-Tiefen seines Album zu begleiten.

“Back-Draft’s back”. Und nein, es geht nicht um Back-Drafts Rücken. Selbiger ist zurück  und beschreibt sich mit als den “in keine Kategorie packbare” schon ganz gut selbst.

“Keine Ahnung” kommt auf einem schönem Beat und passender Gesangsuntermalung in der Hook daher.  Man kann die Aussage des Songs nun mit zweierlei Maß messen: Zum einen ist er den Rappern da draußen gewidmet, zum anderen kann man die Message auch auf alle anderen Menschen münzen, die den Mund aufmachen ohne nachzudenken. Ein multifunktionaler Song, sozusagen.

“Ich sag nur eins: ich trau euch nur soweit wie ich euch werfen kann”

Der Beat von “Atmen” reißt sofort mit, ebenso wie die Hook. Der Part von ist ganz nett, geht lyrisch im Vergleich zu Back-Drafts Strophe jedoch etwas unter. Wahrlich kein Grund zum Schämen. Garniert wird das musikalisches Spektakel mit einer Reggae-Hook von . Sehr dope das Ganze!

Der Songtitel “Verrückt” ist Programm und kommt, tja, sehr verrückt rüber. Der Beat ist extrem nervig und mein persönlicher (Perspek-)Tiefpunkt des Albums. Die Hook möchte auch verrückt sein, aber überspannt den Bogen. Die Parts hingegen sind sehr gut, da Back-Draft anschaulich beschreibt, warum er sich von allen anderen (Rappern) abhebt. Dafür hätte es dieses Track nicht bedurft, das wurde schon im Intro klar.

“Leider Gottes bin ich mit zu wenig Mittelfinger gesegnet als dass ich nen Fick auf alles gebe”

Tauchen wir etwas tiefer ein in die Person Back-Draft/2Seiten. “Depression” ist ein kurzer Track, aber manchmal reichen auch anderthalb Minuten, um den ewigen Kampf mit und gegen sich selbst zu umschreiben. Ein pumpender Streicher-Beat, gespickt mit Filmsamples – da wünschte man sich ein ausgedehntere Hörlänge.

Der gesungene türkische Refrain in “Duygular” ist Geschmackssache. Inhaltlich natürlich nur türkischsprachigen Hörern zugänglich, muss man auch ein Freund der Melodik sein. Bin ich nur bedingt, aber das Gesamtpaket stimmt. Mit orientalischen Klängen geht es weiter. zaubert Back-Draft auf “Existenz” eine ideale Grundlage einen richtig schnellen Flow auszupacken.

Den Song Offensive mag der ein oder andere schon vom kennen. Ein Battle-Track der gleichzeitig auch ein Statement ist, wie Back-Draft selbst gestrickt ist. War damals auf Vinyl schon cool und ist es jetzt immer noch.

“DU steckst nicht in meinen Schuhen. Schau in den Spiegel, was du siehst bist DU”

“Geistesblitz” erinnert mich irgendwie an die Atmosphäre vom OutKast Album “ATliens”. Und auch inhaltlich taucht Back-Draft wieder in atmosphärische Tiefen. Da kann man auch mal auf einen Refrain oder eine Hook verzichten und dem psychedelischen Soundkonstrukt Platz lassen. Hier wurde alles richtig gemacht.

Wenn ein Produzent oder DJ auf einem Album Platz für ein eigenes Skit bekommt, dann hat dieser ebenfalls alles richtig gemacht. Das Instrumental zum “FabRockSkit” beweist eindrucksvoll, warum FabRocc neben Monroe der Hauptproduzent des Albums ist. Der darauf folgende Track zum Albumtitel “Perspek-Tiefe” ist ein guter, aber jetzt auch keiner, der neue Perspektiven  eröffnet. Die Linie verschachtelter Lyrics und sauber produzierter Beats wird hier konsequent weiter verfolgt, wenn nicht sogar noch zugespitzt. Wenn jetzt die bösen Zungensagen würden, das war vorhersehbar, würden die guten Zungen wohl sagen, dass genau das ein rundes Album ausmacht.

Das von Monroe produzierte Stück “Regen” steht mit seinem Namen sinnbildlich für einen tristen Tag, im positiven Sinne unterbrochen durch den alles erhellenden Gesang von Jenga u.a. im Refrain. Wirklich gut! Dass es hier mehr als nur um einen Wetterbericht geht, erfährt der Hörer im abschließenden Part von Back-Draft. Anspieltipp.

Hydrophob ist gute Mann anscheinend nicht.  Zwar nicht vom Regen in die Taufe, aber dafür geht’s ins schwarze Meer. “Schwarzes Meer” verspricht vom Titel mehr als man sich vielleicht erhofft hat, denn es ist “nur” ein Hier-bin-ich-Representer. Der Beat ist ok, eine Message ist sowieso enthalten:

“Respekt is nur noch’n Song von von Aretha Franklin”

Gut, weg von den bisher ausschließlich ernsthaften Gedankengängen zu den lustigen Seiten des Lebens. Feature-Gast hat “Spass inne Backen”, STH hat ihn auch, aber Back-Draft bleibt weiter ernst und nachdenklich. Das ist mehr als schade, denn 2/3 des Songs hat der Titel zum gut nach vorne gehenden Beat gepasst. Wenn Kritiker Back-Draft vorwerfen möchten, er sei zu deep, dann kann man das gerne mit “Spass inne Backen” begründen. 

Ein mögliches K.O. Kriterium? Mehr dazu im Fazit, welches wie folgender Song natürlich nichts als die “Wahrheit” spricht. Es geht oberflächlich wieder um Rap, ja. Aber sich darüber zu beschweren wäre wie darüber zu meckern, dass in Actionfilmen geschossen wird oder über Casting Shows herziehen und sie sich trotzdem angucken. Hier geht es einfach um die individuelle Sicht auf Rap und das Wirken auf der Bühne. Kein austauschbarer Song, da sehr persönlich und eindringlich gerappt. Dazu ein schöner Beat von FabRocc, passt.

“Die Wahrheit ist, ich will mehr als nur Gage – ich will Leute die zuhören und verstehen was ich sage”

Ha, mit “Simpel und Einfach” neigt sich das Album sehr passend dem Ende zu und beschäftigt sich mit eben jenen Kritiken Back-Draft sei zu deep, denke zu viel nach oder überfordere den Hörer. Auf einem eher durchschnittlichem Beat mit Vocal-Sample in der Hook wird noch einmal das eindeutige Statement gesetzt “Ich bin so. Akzeptiert oder lasst es”. Wird gemacht.

Das Outro erklärt dem Hörer noch mal, dass es das Album von 2Seiten ist, was wir hören. Ok. Danke. Nicht, dass es 2Seiten Liebhaber und Hater hätten vergessen können. Oder war nicht das Album von Back-Draft?. Ach ja, die AKAs. Schöne Idee, die Songtitel in den Text einzubauen.

 

FAZIT

Back-Draft teilt nicht nur das schwarze Meer, er spaltet auch die Gemüter. Ich persönlich kann nachvollziehen wenn die einen den Mann in den Himmel loben, die anderen seine Sachen als zu anstrengend empfinden. Und das sage ich ohne mich auf eine Seite zu schlagen. Das Album ist in jedem Fall ein sehr gutes und das zunächst allgemein auf Rap und Beats bezogen. Letztere sind sehr abwechslungsreich und fügen sich zu einem stimmigen Mosaik zusammen, obwohl zwei verschiedene Paar Hände daran gebastelt haben. Monroe und FabRocc ergänzen sich sehr gut, da der Beatstil recht ähnlich ist. Die Produktionen sind sauber, drücken und stehen in einem Verhältnis zur Stimme, wie man es von einem Kaufalbum auch erwarten darf.

Dann ist ja alles gut, oder? Nun, das oben erwähnte K.O. Kriterium ist zwar keins, aber Fakt ist:  Locker-leichte Hörkost gibt es woanders. Back-Draft muss man genau zuhören oder man hört weg. Das erste Hören überrascht dabei mit einer Flut an Infos und Messages, die erst einmal verarbeitet werden wollen. Ich spreche jetzt übrigens nur von einem Song, noch nicht vom Album. Kein Song ist anspruchslos, im Gegenteil.

Erst beim zweiten und dritten Durchhören zeichnet sich der Rapper Back-Draft so allmählich ab. Da liegt einfach viel zwischen den Zeilen,  was erst noch zu Tage gefördert werden will. Aber genau das macht Spaß an “Perspek-Tiefe”, denn das ist Musik zum Entdecken.

Tauchen wir aus den Tiefen mal wieder an die Oberfläche und betrachten das Cover. Kurzum: Es gefällt mir nicht. Das Frontcover verdeutlicht gut, was der Mann hier tut, nämlich schreiben, schreiben, schreiben.  Sogar beidhändig. Na, wenn das nicht einiges erklärt. Das Design spricht mich nicht so richtig an und davon ab ist das Backcover eine mittlere Katastrophe! Die Schrift kenn ich von meinem Arzt und auch ehemaligem Mathelehrer. Und mit einer schöneren und kleineren Schriftart hätten auch noch die Features Platz gefunden. Erbsenzählerei, I know.

So lautet das Fazit des Fazits: Freunden des anspruchsvollen Raps sei das Album ans Herz gelegt, die Zweifler sollten sich die Hörproben anhören und alle anderen geben einfach mal “Do A Barrel Roll” bei Google ein.

 

BEWERTUNG

2Seiten - Perspek-Tiefen Rating

4/5

 

 

 

 

2Seiten-Perspek-Tiefe-Backcover

Über SirPreiss


4 responses to “REVIEW 007: 2Seiten – Perspek-Tiefen

Danke für deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefällt, bitte weiterempfehlen...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: